xtrblg: Die wundersame Wiederauferstehung meiner LP-Sammlung
[Aus einem echten Brief, gekürzt um unöffentliche Teile, zur Verständlichkeit ergänzt mit in {} gesetzten Abschnitten. Hier in Das Linke Netz hält sich eine Person mit Pseudonym auf, die in der Erzählung eine gewichtige Rolle spielt. Wegen der Harmlosigkeit, ja Freundlichkeit des Berichteten, wäre es eigentlich nicht schlimm gewesen, wenn ich das Pseudonym in den Text eingesetzt hätte.]
Lieber Willi!
Das war jedenfalls eine irre Überraschung an Neujahr. Erst ärgerte ich mich: Ich hatte einem Nachbarn in meinem 15o-Einheiten-Hochhaus wie immer den Briefkastenschlüssel gegeben, als ich über Weihnachten zu meiner Schwester fuhr. Er hatte sich noch extra bei mir vergewissert, daß doch hoffentlich kein Paket von meinen politischen Zusammenhängen käme, das er dann abholen müsse. Ich hatte ihn beruhigt: die SoZ (Sozialistische Zeitung) erscheine diesen Monat nicht, es habe eine Doppelnummer gegeben. Umso überraschter war ich dann, als er mir eine Abholkarte präsentierte. Ich ärgerte mich, daß wohl bestimmte Flugblätter, die für den 10. angekümdigt waren, vorzeitig versandt worden seien.
Umso erstaunter war ich dann, als ich im Postamt das Format erblickte. Geöffnet, bemerkte ich den Inhalt: Wie aufmerksam von Dir, {mir CDs aufzunehmen, weil ich Dir auf unserer WG reunion nach 25 Jahren am Ersten Mai 2008 im Harz vom Ende meines Plattenspielers und der Unmöglichlkeit, mit Hartz 4 einen neuen zu kaufen, erzählt hatte}! Doch, da auch der Kopfhörer meines CD players kaputt war, konnte ich nichts hören. Leider auch nicht im Kopfe, da Du keine Auflistung der Titel gemacht hattest.
Aber irgendwie trug dieses Geschenk zur Verknüpfung von Ereignissen bei, an deren Ende ich jetzt nicht nur diese CDs hören kann, sondern auch alle LPs. Kurze Zeit später kam der Lebensgefährte meiner Schwester, der nun als Vertreter sehr teurer Vibrationsmeßgeräte für Norddeutschland zuständig ist, zu mir, um einen bestimmten durchgesessenen Sessel abzuholen zum Aufpolstern. Ich sagte, behaltet ihn doch bitte gleich. Die dadurch geschaffenen 2 qm Platz in meiner 19,55 qm großen, total vollgestellten Bude ergaben die Möglichkeit des Umräumens. Bei mir staubt alles sehr kraß zu: ich habe hunderte kleiner Objekte, einige Orientteppiche und wohne an einer Schnellstraße. Was mir bis dahin unmöglich erschien, schaffte ich dann in einem 22stündigen Arbeitsrausch und noch einigen wenigen Nacharbeiten: Platz zu schaffen, der einesteils zur wechselnden Nutzung bleibt, anderenteils Stellplatz für Dinge, die ich schön finde, gibt, die vorher in Kartons versteckt waren. Mit Sicherheit habe ich dabei weit über 10 000 Gegenstände in die Hand genommen und geputzt. Auch viel weggeworfen, darunter kurzerhand meinen uralten Verstärker mit Radio. In dieser Stimmung war es mir egal, daß ich dann nicht mal mehr das einzige, was ich da noch hörte, nämlich “Pops Tönende Wunderwelt” (das ich allen empfehlen kann: So 22 Uhr, Bremen1), nicht mehr würde hören können. Irgendwie erfaßte mich die Gewißheit, daß ich “bald” etwas neues re Plattenspieler zustandebrächte. Und siehe da, es verhakte sich etwas beim Vorziehen des Verstärkers und nach einigem Ruckeln kam ein vergessener von Spinnweben umwundener Kopfhörer zum Vorschein!
Noch in den kurzen Pausen meiner Aktion begann ich, Deine Aufnahmen zu hören. Ich begann mit dem folk mix. Wenn mich jemand gefragt hätte, ob ich sowas möge, hätte ich derzeit behauptet, früher ja, heute aber nicht mehr. Doch das stimmte nicht. Vom ersten Ton an war ich wieder drin. Ja sogar mehr, da ich nunmehr die Texte fast direkt verstand. War da Battlefield und Tannahill Weavers bei? Den rock mix sog ich hinterher; aber das ist alles so vertraut und immer wieder hier und da hörbar, daß keine extraordinäre Wirkung zu berichten ist.
So, nun genoß ich erstmal das Gesamtkunstwerk meines Schneckengehäuses. Einige Wochen später zog ein 24jähriger Genosse der SAV nach Japan, da er schon seit Jahren eine Beziehung dort hat. Er machte einen Abschiedsbesuch bei mir (und brachte dabei LPs zurück, auf denen er ein halbes Jahrzehnt gesessen hatte – in Bremen kriegt man so leicht nichts Verliehenes zurück), aus dem mehrere wurden, da er vor seiner Abreise noch in meiner Nähe mehrere Zahnarzttermine hatte. Beim letzten fiel ihm ein, wieso stelle ich eigentlich meine Anlage in den Keller von xy und nicht bei Dir rein? Gesagt, getan. Die Anlage aufzustellen, wurde sein wirklicher Abschiedsbesuch…
Ich wagte es erst gar nicht, eine LP aufzulegen, so ungewohnt war das. Und als ich es dann tat, tat ich es mit Vorsicht, nur unauffällige Musik aus den untersten Abteilungen meiner Sammlung: kommerzieller Pop und Meditatives.
Der Verstärker von Seba hatte einige Wackelkontakte, von den Boxen rieselte das alte Schaummaterial und die linken Lautsprecher fielen direkt zwischen der ersten und der zweiten LP aus. Mehrere Wehrmutstropfen. Durch Umstecken fand ich heraus, daß der Vorverstärker kaputt sein müßte. Wenig später kam wieder jener “Vibrationsvertrer”, der als gelernter Elektrophysiker es nicht lassen konnte, alles zu untersuchen. Beim Herummachen an den abenteuerlich aussehenden linken Kabeln kam es zu einem Kurzschloß im Verstärker, bei dem eine niedliche weiße Rauchsäule oberhalb des Einschaltknopfs aus einer Ritze aufstieg. So als sei gerade von einem Konzil da drinnen ein Papst gewählt worde. (In der weiteren Kommunikation mit Seba fungiert der technische Schaden inzwischen als “Papst”, der aus dem Verstärker zu entfernen sei.)
Mein Vibrationsvertreter hat sich über Jahre hinweg, von mir unterstützt, bei meiner Schwester dadurch zum neuen Lebensgefährten emporgearbeitet, daß er sich ständig nützlich machte, was meine Schwerster weidlich ausnutzte. Er bekam denn auch sogleich nach dem Kurzschluß ein so schlechtes Gewissen, daß ihm einfiel, in seiner Dienstwohnung stehe noch ein ungenutzter Verstärker. Bei seinem nächsten Besuch brachte er in der Tat einen neuen solchen mit – aber im Laden gebraucht gekauft. Dazu dann aber überraschender Weise noch neue Lautsprecher mit nur je einer Box links und rechts, die, wenn das Licht auf sie fällt, gut aussehen, da in ihrer schwarzen Plastikmasse Goldfitzelchen eingelassen sind.
Komisch, seither habe ich aber noch nicht eine Platte gehört! Obwohl ich mehr am PC sitze, seit ich neben allem anderen auch noch angefangen habe blogs zu schreiben. Und das ist eigentlich die richtige Zeit, Musik zu hören.
So, lieber Willi, das war die Geschichte von der magischen Wirkung Deines Geschenks, von der Du noch nichts wußtest.
Den blog kannst Du hier lesen: http://das-linke.de/netz/pg/blog/klem
Ciao – Klem
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