B&T 7: Schwarzbrotkinder
Auf den Briefkästen in unserem Hochhaus waren drei Werke von Goethe zum Mitnehmen abgelegt worden, und so lese ich “Die Leiden des jungen Werther”. Da ist diese Szene, wo er Lotte zum ersten
mal sieht. Sie verteilt gerade Schwarzbrot an ihre kleineren Geschwister als Abendbrot, worauf diese lustig davontollen. Was mich traf: Kinder durften Abends noch rauslaufen, und daß, obwohl die Schwester gleich auch noch wegfährt. Und von wegen trauliches Abendbrot zusammen, möglichst mit allem, was der Keller zu bieten hat. Reinste Rabenmütter in der alten Zeit. So unkompliziert!
Und nicht mal mit Rosinenstuten wäre heute ein Kind aus dem Kinderzimmer zu locken.
B&T 6: Scheinschiitische Silos bei Pasewalk
Millionenschwerer Rinderzüchter: Der Subventionsmeister – taz.de.
(Leider sind auf der taz-Webseite nicht das Bild der gedruckten Ausgabe zu sehen, auf das ich mich beziehe: rundkuppige schwärzliche silotürme, mehrere hintereinander, deren Größe man ermessen kann, wenn man am unteren Rand die Büsche und Verkehrszeichen betrachtet.)
Im Sonnenlicht blinzelte ich im Café in meine taz und glaube, die Unruhen im Ran, im Hinterkopf, riesige schiitische Grabmäler zu sehen. Ja, das ist ja Wahnsinn! Vielleicht noch einen entsprechend großen Sprungbrunnen mit “Blutwasser” hinzu? Doch dann kapiere ich, der wahnsinn ist noch größer: es sind Futtersilos in Vorpommern. Von nie gesehener Schauerlichkeit. Alle voll Mais. Bayerischer Agrarkolonialismus in der DDR. lest diesen Artikel.
Zur Beruhigung stellen wir uns vor, wir büken einen Maiskuchen mit Rosenwasser.
B&T 5: Schokokatalyse
Hihi, ich werde jetzt gleich eine Packung Marzipan-Mandelhörnchen von Lambertz öffnen. Eigentlich kaufe ich selten Süßgebäck, aber heute, mit frisch reingekommenem Geld, mußte es mal sein. Es dauerte lange, bis ich mich entschieden hatte. Der familiäre Name Lambertz spielte dabei eine Rolle. Der Genuß ist daduch vom Schutzpatron des Bistums Lüttich gesegnet, zu dessen Einzugsbereich einige Heimatorte gehörten. Und Marzipan mußte es sein. Es ging mir vorhin durch den Kopf, daß ich unserer Umweltdeputierten, der Chemikerin HB, etwas abgäbe und sie mir erklärte, daß diese krummen Hörnchen mit den beiden Schokoenden durch Katalyse entstünden. Die Schokolade sich langsam an den Enden ablagere. Ich ergänzte, die Flüssigkeit zur Katalyse sei dann wohl das Abwasser, aus dem die winzigen Mengen Schokolade gezogen würden, die in es durch das Abwaschen von schokoverschmierten Kindermäulchen entstehen. Freu!
B&T 4: “Journal of Peasant Studies” relaunch
[Europe Solidaire Sans Frontières] Peasant Politics: Critical Perspectives on Rural Development.
Direkter Sprung von der musikalischen Tortenschlacht zur theoretischen Getreideschlacht
B&T 3: Soundtrack zu Crèmes
“Schlacht ums Brot” (SuB) heißt jetzt “Arbeitsgruppe Brot und Torte” (AG B&T). Und die vergibt sogleich einen Auftrag an ihr Ehrenmitglied Harald Gatermann, im Rahmen seines Earritation-Projekts Stücke zu komponieren, die veranschaulichen, wie Buttercremetorte, Nußcremetorte, Eierlikörtorte, schwerste, nach Fenzelschen Richtlinien gemachte Schokoladencremetorte sowie eine Cremetorte eigener Wahl oder besser eigener Vorstellung aussehen, sich anfühlen und schmecken. Die Stücke sollten nicht kürzer als acht Minuten sein. Es sollten keine Scherzgeräusche eingebaut sein, die Schwerverdaulichkeit andeuten. Sondern nur die überwältigende Schönheit der Erscheinung. Sie sollten auch nur rein erscheinen. Von ihrer Herstellung sollte nichts zu erfahren sein. Am Schluß sollten sie ratzekahl aufgegessen sein, damit nicht der Schlagzeuger noch eine Tortenschlacht veranstaltet. Gespült wird nicht.
SuB 2: Zeitgeistwidrige gute Tat eines Bäckers
Wie wahrscheinlich in jeder Stadt tobt auch in Bremen die Schlacht zwischen den übrig gebliebenen größeren Bäckern um die Kontrolle der stadttteilmärkte. Sie tobt wahrscheinlich deshalb umso erbitterter, weil sie mit Sicherheit anders als etwa die Schlacht der Druckereien oder der Glasereienniemals gewonnen werden wird. Und zwar weil Brot von fast allen nachgefragt wird und weil der Standort der Bäckereien nicht egal ist; sie müssen fußläufig sein.
Im sogenannten Viertel hat sich mit einiger Wucht ein Bäcker Weymann aus der südlich von Bremen gelegenen Kleinstadt Twistringen etabliert. Es fiel schon auf, daß er kein anderes Bäckereigeschäft ablöst, sondern einen Sportladen. Er richtete sich gleich als größzügiges Café ein, ausgestattet mit jenen zur Zeit sich verbreitenden Quader-Sitzgelegenheiten, natürlich mit Rollstuhlrampe und geöffnet bis tief in den Abend.Sehr zeitgeistig.
Ich staunte daher nicht schlecht, als ich gestern bemerkte, daß er die ganze Außerseite seines Geschäfts mit einer durchgehenden soliden Holzbank umzogen hat, die auch gleich ausgiebig von eigenen Kunden und von Kunden anderer Imbisse genutzt wurde. Ich staune deshalb, weil die Nutzung der riesigen Bank anders als die von Tischchen ja an keine Sanktion geknüpft ist, besonders nachts nicht. Eine Einladung für Obdachlose zur Niederlassung. Eine erstaunliche gute Tat in einer Zeit, wo selbst kümmerliche vergessene Betonbänke in Seitenstraßen beseitigt werden, um”Pennern” keinen Ruheort zu geben. Ein dreifaches Hurrah also dem Bäcker Weymann!!!
Die einmal gekauften Brötchen waren mir jedoch zu braun…
SuB*1: Dinkelbrot
In den 80er Jahren begannen Menschen, oft GenossInnen, aus der Umweltbewegung sich selbst informell mit ökologisch produzierten Lebensmitteln zu versorgen. Dabei entdeckte man durch Kontakte mit Bauern, die damals noch verhöhnt von den Nachbarn ihren Weg ertrotzen mußten, Pflanzen oder Sorten von Pflanzen, die früher angebaut worden waren, jetzt aber, oft erst wegen ihrer geringen Ergiebigkeit, nicht mehr: Quitten, Karden, Rauken, Borretsch, Pastinaken und – Dinkel.
Während ich mich gerade darauf freue, demnächst “quitte sehr” Quitte , die neue Sorte von Bionade** zu testen, mmpfe ich zugleich die übriggebliebenen Holon-Dinkel-Brötchen von dem Sitzungsfrühstück unserer Umweltgruppe auf. Es ist nämlich üblich geworden, wenn man Biobrot, Biovollkornbrot, kauft, darauf noch eins draufzusetzen, indem man aus dem Angebot die Varianten mit Dinkel statt mit Weizen nimmt. Auch konventionelle Bäckereien bieten in ihren Bioecken vorzugsweise Dinkelvariationen an. Die beste Methode, NeuinteressentInnen von Biobäckerei abzuschrecken.
Man sollte auf die Weisheit unserer agrarischen Vorfahren vertrauen, wie man es ja sonst auf diesem Gebiet gerne tut. Diese entschieden zu recht, nämlich wegen des mangelnden Klebers im Dinkel, daß dieser ein Kochgetreide sei, Weizen aber das Brotgetreide. Wegen des höheren Kleberanteils (und noch aus anderen Gründen) ist Weizen umgekehrt nur vorbehandelt genießbar, Dinkel dagegen kann ohne weiteres verkocht werden. Durch das Aufkommen von Nudeln und Reis fiel allerdings das Kochen damit in Vergessenheit. Und wegen des fehlenden Brots aus Dinkel, ging das Getreide außer in öden Gegenden dann insgesamt verloren.
Aber ob wir es jetzt aus archivarischer Pflicht deswegen krümelig durch die Kehle stauben müssen?
* Schlacht ums Brot: Das wird jetzt ne zwanglose Serie
** Bionade-Scheck an mich!
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