WirAktivierten5: Gespannte Zurückhaltung?
Von der vorigen Woche zur jetzigen hat die Beteiligung an den Ständen in meinem Viertel von doppelt auf weniger als halb abgenommen. Dabei hatten wir in einen weiteren Stadtteil expandieren wollen, da wir so viele waren.
Liegt das vielleicht daran, daß die Leute erst mal die Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Saarland abwarten wollen, weil durch diese sich die Vorzeichen der Gesamtwahl stark ändern können? Die potentiellen Koalitionspartner werden zwar möglicherweise bis zum 27. September sich gegen die LINKE sträuben, aber die WählerInnen werden das nicht glauben. Es sind daher zwei massenpsycholgische Verhaltensweisen möglich: Erstens Euphorie, daß es möglich ist, die LINKE an die Regierung zu bringen, und dadurch Aufschwung auch bei der Bundestagswahl. Zweitens Enttäuschung, daß die LINKE kleinste Brötchen bäckt, und dadurch mehr Nichtteilnahme bei der Bundestagswahl. Die zweite Variante ist unwahrscheinlicher, da sie auch durch schleppendes Verhandeln der LINKEN hinausgezögert werden kann.
Die erste Variante ist die Variante der Arbeiterklasse (für Deutsche: einschließlich der Arbeitslosen), die zweite die der linken Aktivisten und der ProtestwählerInnen.
WirAktivierten4: Eine Bitte
Heute gesehen im Stadtteil Walle auf einem Plakat mit unserer Listenführerin Agnes Alpers: “Bitte nicht lügen wie die anderen.” Fürchtet der Filzstift des Volkes, es sei schon geschehen? Hopes are high.
WirAktivierten 3: Oi! Oi! Oi!
“Heyda, zeig mir mal!” erschallte es aus dem Nebenfenster des ehemaligen griechischen Imbisses mit der Aufschrift “Erfinder der Pitta-Rollo”, der jetzt trotzdem tamilisch betrieben wird. Ein Chef-Ruf. Und der Chef erblickte unsere Parole “Reichtum besteuern”. Und der Kleinbürger ward wild. Alles, was im Schulbuch über Wirtschaft steht, was am wohlhabenden Stammtisch verkündet wird, kriegte ich nun zu hören. Mit ungewöhnlicher Überzeugung.
Deutschland gehört zwar nicht zum Commonwealth, aber der aufstrebende Mensch vom indischen Subkontinent soll ja schon in den 60ern in London durch sein unstillbares Verlangen aufgefallen sein, ein ehrbarer viktorianischer shop keeper zu werden. Nicht so der sein Leben fristen wollende Mensch aus der Karibik; nicht so der gerade mit seinen Eltern in mißtrauisch begutachtete weiße Neubauten umgezogenen weiße Arbeiterjunge. Am Donnerstag konnte ich das Paki bashing der skinheads und rude boys gut verstehen.
WirAktivierten 2: Stakhanow-Arbeiter aus Berlin
Unser zweiter regulärer Stand mit meiner Beteiligung am Donnerstag auf dem Ziegenmarkt verlief unspektakulär. Möglicherweise einen netten jungen Mann für das umweltpolitische Arbeitsfrühstück gewonnen… Am Samstag beteiligten sich zwei weitere Genossen, die bisher noch nicht dabei waren, die ich aber immer mitangeschrieben hatte.
Aber dazwischen der Freitag: Das von Infokontakt zu Infokontakt immer kleiner werdende Wahlaktivmobil ist da. Als ich noch glaubte, es käme ein richtiger Bus, mobilisierte ich einige KandidatInnen (zB Harald Gatermann) zwecks schwingen von Agitationsreden. Stattdessen “Aktivierte” gewinnen. Nunja. Ne Menge weiterer Helfer waren erschienen um 13 Uhr auf der Ziege. Danach weiter in der Neustadt an einer unmöglichen Stelle im Wallpark.
Aber die Berliner (ein Bayer; eine Amerikaner; ein Iraner) hatten in Gestalt eines 17jährigen unaufhaltsamen Stakhanow-Aktivierers die Lösung mitgebracht. Dieser hielt notfalls sogar den Verkehr auf. Ich gewann nur einen, und den kannte ich schon vorher. Unterm Strich:
Donnerstag:
Bremerhaven 15
Gröpelingen 11
Freitag:
Neue Vahr 11
Viertel 22
Neustadt 17
Freitag zusammen 50. Der iranische Wirbelsturm war mit 7 x 7 nicht zufrieden und “zwang” unsere Kandidatin Thea Kleinert, die 50. zu werden.
76 also die Ernte. Ich bot mich dem freiwillig mehr als 40 Stunden unbezahlt reinkeulenden Gen. UK als Hilfe bei der Auswertung an.
GluGluGluGluGlucks!
Glukose (grich: glüküs) = Glück!! Dieser Mama-Baby-Nuckel-Schluck-Konnex vereint eine Hypersprachfamilie von den Wolof im Senegal zu den Innuit in Grönland. Auch die ältesten Restsprachgruppen im eurasischen Raum gehören zu den Glücklichen, die Korjaken, die Ainu, die Basken, die Pamir-Bewohner, die Mon, die Munda, die (Süd)Kaukasier, die Basken, die Japaner, die Koreaner. Die Ham-Sem-Kusch-Gruppe, die Indogermanen, die Finno-Ugrier, die Drawida, die Turkvölker und die Mongolische Gruppe sowieso.
Zurecht schrieb Fourier, der Kommunismus konnte vor der Möglichkeit der massenhaften Zuckerproduktion nicht erfunden werden. Seine Utopie sieht massenhaft Süßspeisen vor. (Hm, dieser entry gehört doch zur AG Brot&Torte?) Diesen Produktivkraftvorbehalt hat Engels wohl übersehen, als er über die utopischen Sozialisten schrieb; Fourier war doch schon ein bißchen wissenschaftlich.
WirAktivierten 1: Erster Auftritt
[Ich werde bis zur Wahl unter dem Titel "Wir Aktivierten" einen unterhaltsamen, kritischen und gelegentlich polemischen Wahlkampfblog als Teil meines allgemeinen führen.]
Am Donnerstag war eine Woche “zu früh” der erste Stand der Partei im legendären Bremer Viertel. Wir sind eine Woche früher als die anderen Stadtteile dran, weil ich die Organisierung vorsichtshalber selber in die Hand genommen hatte. Es ist ein pool von 16 Leuten zusammengekommen, die in irgendeiner Weise bereit sind, in den nahen östlichen Vorstädten Bremens Wahlkampf zu machen.
Der erste Moment unseres Auftritts gab mir ein Gefühl von Chaos. Eine freche Kinderbande, angeführt von einem etwa neunjährigen Mädchen mit Kopftuch, wollte Haufen giveaways abgreifen und unsere Gen. FinSek BM goß mit pädagogischen Maßnahmen Öl ins Feuer, sodaß die Kinder immer frecher wurden, während zugleich ein innerlich zorniges ehemaliges Mitglied den Direktkandidaten Bremen Süd KRR und mich in eine Einheitsfront zwang, indem er uns die Apokalypse vorrechnete und unsere Unfähigkeit ihr zu begegnen, was wir dann allerdings nicht mit sofortiger Weltrevolution, sondern durch Bildung eines “Denkraums” mit der CDU zu tun hätten. Dieser Mensch pflanzte sich auch weiter neben unserem Stand auf, als die Kinder schließlich vertrieben waren, und agitierte Leute. Er versteifte sich darauf, irgendjemandes anzusprechen und dann zur Bildung eines Denkraums zu mir oder zu KRR zu ziehen, was wir nicht anders als durch Flucht und kleine Zornesattacken von uns weisen konnten. Allmählich klangen auch diese Versuche ab.
Ich verteilte auf der gegenüberliegenden Straßenseite und hatte das Gefühl einer matten Fortsetzung des letzten (nicht EU) Wahlkampfs. Eine besondere Wahlstimmung nicht zu bemerken. Alle Standards gelten: Wenn erste Person aus einem Pulk nimmt, nehmen alle und umgekehrt.
Netteste Erlebnisse: Gruppe Mädchen von vier Nationalitäten verkündet, daß sie LINKE wählen würden, wenn sie schon dürften. Ein dezent-exzentrisch gekleidetes Pärchen bemerkt zum Paar Gysi-Lafontaine auf dem Flugblatt zu meiner zunächstigen Verdutzung: “Wenn dieses Paar sich so gut verstünde wie wir beide, dann gute Nacht.” Sie hatten sich gerade versöhnt.
B&T 7: Schwarzbrotkinder
Auf den Briefkästen in unserem Hochhaus waren drei Werke von Goethe zum Mitnehmen abgelegt worden, und so lese ich “Die Leiden des jungen Werther”. Da ist diese Szene, wo er Lotte zum ersten
mal sieht. Sie verteilt gerade Schwarzbrot an ihre kleineren Geschwister als Abendbrot, worauf diese lustig davontollen. Was mich traf: Kinder durften Abends noch rauslaufen, und daß, obwohl die Schwester gleich auch noch wegfährt. Und von wegen trauliches Abendbrot zusammen, möglichst mit allem, was der Keller zu bieten hat. Reinste Rabenmütter in der alten Zeit. So unkompliziert!
Und nicht mal mit Rosinenstuten wäre heute ein Kind aus dem Kinderzimmer zu locken.
“Hört! Hört!”
Wenn der jetzige Auftritt von bei ihr beschäftigten und für sie kandidierenden Mitgliedern der Linkspartei bei facebook Teil des öffentlichen Auftritts sein soll, so kann ich diesen nicht anders als verfehlt bezeichnen. Und man darf froh sein, daß in Wirklichkeit fast niemand etwas davon mitkriegt. Mitteilungen wie “Adelbert Heusenkamp trinkt jetzt erst mal’n Kaffee” oder “Fridoline Holperberg geht jetzt endlich ins Bett” sind ja selbst für den Freundeskreis kaum von Interesse. Das genaue Verfolgen einer Ferienreise und das Beschreiben des Alltags mit dem baby sind schon interessanter, aber nicht für WählerInnen. Beide sind auch zu intim formuliert, daß sie einer human interest campaign, wie sie Schumacher in den 50er Jahren erstmals für die SPD eingeführt hat, zu genügen. So nach dem Motto, seht mal her, auch Linke kriegen babies. Näher kommt schon derjenige, der seine Wahlkampfauftritte dokumentiert, jedoch mehr als Signal in die Partei, als Rechenschaftsbericht. Es bleibt das Posten interessanter links. Mehr ist nicht drin.
Plumps! in eine geschlossene Gesellschaft
Die LINKE ist ja vorneweg im Vergleich zu allen anderen Parteien bei der Nutzung des Netzes zum Wahlkampf und zum Auftritt überhaupt. Sie hat eine eigene facebook ähnliche Plattform geschaffen und stürzt sich gerade in letzteres. Da jedoch scheint mir, daß sie nichts anderes kann, als in ihren eigenen Dorfteich zu springen. Das Programm von fb lenkt uns zueinander und den Rest tun wir, indem wir uns gegenseitig zu Freunden machen. Von jeder Einzelperson aus hängen weitere Fäden in das sonstige Netz, die sich aber nicht so leicht heranziehen lassen. Wir können uns fb also als einen gigantischen leeren Raum vorstellen, in der in großem Abstand dicke Klumpen von verwobenen Fäden schweben; dünne Verbindungen laufen zwischen ihnen; an manchen großen Klumpen schweben kleine Klumpen als Trabanten. Wahlkampf fände also nur unter uns statt.
Demnächst zur Art des Auftretens der Leute der Partei.
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